Lebenswelt  
Als Hobbydrechsler hat Karl Rüdiger das Drechseln als individuellen Zeitvertreib praktiziert, ohne wirtschaftliche Absicht auf einen Zuverdienst. Es entstanden ausschließlich Einzelstücke aus der Grundform der Docke. In der Technik der Figurenherstellung folgte er den im Erzgebirge nachweisbaren Traditionen. Holz ist das Grundmaterial, aber daneben findet, wie bei allen <Männelmachern> üblich, Papier, teigartige Masse, Modelliermasse, Watte, Wolle, Stoff, Grieß, Sägespäne und ähnliches Verwendung. Je differenzierter die Figuren sind, desto häufiger kamen die unterschiedlichen Männelmachertechniken um Einsatz.


Erzgebirge, Walter Werner, Rastelbinder, H 86,3 mm


Erzgebirge, Walter Werner, Holzsammler, H 100 mm

Im Erzgebirge ist das Erleben der Umwelt bestimmend für die Aussage der volkskünstlerischen Arbeiten. In bewusster Traditionspflege ist der Umkreis der menschlichen Beziehungen, der lebensnotwendigen Arbeit, der festlichen Höhepunkte des menschlichen Miteinanders, die historischen Darstellungen der Bergmannswelt bis hin zur auslaufenden Etappe des Bergbaus Gegenstand seiner Produktion gewesen.


Erzgebirge, Walter Werner, arbeitende Bergleute 19.Jahrhundert
Bergmann mit Schaufel, Bergmann mit Haspel, Bergzimmerling, H 80,3 mm

Walter Werner erweitert diese Lebenswelten des Alltäglichen um die Dimension des Kulturhistorischen. Er findet Themen wie die Lebenswelt des Höfischen, des Adels, oder Themen aus der soziokulturell gegebenen Umwelt des Barock (Barock-Orchester) oder des Rokoko (Mozart).


Walter Werner, Kursächsische Jäger, H 84 mm

Bei all diesen Gegebenheiten geht es um die Erfahrungswelt faktisch agierender Menschen, um deren Alltagswelt (Berger/Luchmann) oder Milieuwelt (Gurwitsch) oder deren Lebenswelt (Husserl). Lebenswelt ist ein Ausschnitt der vorgefundenen Welt, der für den jeweiligen Praxiszusammenhang bedeutsam ist. So hat die Lebenswelt eines Bergmannes andere Bezüge als die eines Schauspielers, Lehrers oder Arztes.


Postbeamter Hannover um 1850, Briefträger Thurn und Taxis 1850,
Landbriefträger um 1920, H 58 mm

Lebenswelt verstanden als ein umfassender Horizont bestimmter Sinnbereiche, von denen der Alltag nur einen Bereich darstellt, war für Karl Rüdiger der Ansatzpunkt seiner eigenen Arbeiten. So sind beispielsweise die Kostümwelt der Volkstrachten, die Lebenswelt des Bauhauses oder die Theaterwelt ausgezeichnete Lebensweltbereiche, denen sein besonderes Interesse galt.