Kleine Welten  


Mit kleinen Dingen habe ich mich schon als Kind beschäftigt.
Zu meinen Lieblingsobjekten zählten die WHW-Abzeichen, die bei Straßensammlungen
in der Zeit des dritten Reiches verkauft wurden. Vor allem hatten es mir die Anhänger
aus dem Erzgebirge angetan:
kleine Figürchen, mit denen sich so gut spielen ließ und die meine Bauwerke
aus Bauklötzchen bewohnten, die ich auf der schmalen Fensterbank meines Kinderzimmers
als bevorzugtem Spielplatz aufbaute.

Aus Haussner Elastolin bzw. Lineol waren die Aufstellfiguren einer großen Militärkapelle,
die zur Vervollständigung zu bringen mein Besitzerwunsch war und der ständige Antrieb
für Geschenkwünsche an meine Eltern darstellte.

Plastilin, in der Nachkriegsproduktion eine olivgrüne oder ockerfarbige Masse,
war das Spielmittel für mich, aus dem ich damals schon kleine figürliche Plastiken formte:
der Hirt, Fritz der Schumacher, der Bauer, Sir John Falstaff u.a.

Nach dem Krieg bekam ich mein erstes Aquarium. Der Aquaristik mit ihren kleinen,
farbigen Lebenswelten bin ich als Hobby bis in meine späten Lebensjahre treu geblieben.

Bücherwelten habe ich als umfangreiche Bibliothek angesammelt, Noten und Partituren
sind zur stattlichen Musikbibliothek angewachsen und als Musiker habe ich eine
Spezialsammlung "Musik auf Briefmarken" aufgebaut.

Bereits in der Schule eröffnete mir die Arbeit am Mikroskop den Blick in die kleinen
Wunderwelten der Natur. Das Leben im Wassertropfen und die Fortpflanzungsbiologie
der Moose konnten mich so begeistern, daß mir meine Eltern den Wunsch nach einem
eigenen Mikroskop erfüllten.

Meinem Deutschlehrer verdanke ich die Bewusstwerdung meiner Neigung zu kleinen Dingen.
Bei der Lektüre der Vorrede zu den "Bunten Steinen" von Adalbert Stifter - vergleiche Startseite - bekam "das Kleine", bisher mit der dinglichen Welt verbunden, erstmals einen reflektierten Hintergrund. "Das Kleine" geriet damit unversehens in den Horizont gezielter Aufmerksamkeit.

"Je älter man wird, umso mehr begreift man, daß die so genannten kleinen Dinge eigentlich die großen sind." Romano Guardini.